Immer mehr desorientierte und überfahrene Tauben fallen derzeit in Bocholt auf. Experten erklären, welche Ursachen hinter dem ungewöhnlichen Verhalten stecken.
VON MONIC ARPING
BOCHOLT Wer derzeit durch Bocholt fährt, sieht sie immer häufiger: Tauben, die teilnahmslos am Straßenrand sitzen, kaum auf herannahende Autos reagieren oder überfahren auf der Fahrbahn liegen. Das ungewöhnliche Verhalten sorgt bei vielen Menschen für Fragen. Taubenexperten halten mehrere Erklärungen für wahrscheinlich – und die aktuelle Hitze spielt dabei eine entscheidende Rolle. Als wahrscheinlichste Erklärung gilt die Trichomonadose. Die Krankheit wird durch Parasiten (Trichomonaden) ausgelöst, die sich bei Hitze besonders stark vermehren. „Im Sommer hat das eine große Bedeutung“, sagt Elisabeth Peus, Tierärztin der Taubenklinik Essen. Die Parasiten könnten sich in der Taube stark vermehren und unter anderem gelbe Abszesse im Schnabelraum, am Schnabel oder am Kropf verursachen, weshalb die Krankheit auch als „Gelber Knopf“ bekannt ist. Sie greifen den Verdauungstrakt der Tiere an und „können sich sogar durch Knochen durchfressen“, so Peus. Die Folge: Die Tauben werden schwächer, reagieren langsamer und können sich schlechter orientieren. Die Parasiten werden laut Peus vor allem übertragen, wenn Tauben gemeinsam aus derselben Wasserquelle trinken oder sich gegenseitig füttern. Sie könnten auch andere Vogelarten, etwa Singvögel, infizieren. Die Erreger seien allerdings nichts Neues, so Peus. „Dinosaurier früher hatten schon Trichomonaden. Das hat man an den Knochen festgestellt.“

Stefan Iding, Vorsitzender des Kleintiervereins Euregio Aalten-Bocholt, kennt das Phänomen der apathischen und desorientierten Tauben in Bocholt.
FOTO: SVEN BETZ
Wasser und Krankheitserreger
Auch für Stefan Iding, Vorsitzender des Kleintiervereins Euregio Aalten-Bocholt, der seit seinem neunten Lebensjahr Tauben züchtet, ist das aktuelle Verhalten der Tauben nichts Neues. „Das Phänomen ist mir schon bekannt.“ Er hält ebenfalls Trichomonaden für eine Erklärung. Nach seinem Wissen verschärfen heiße Wetterlagen das Problem. „Wasser ist Leben“, betont Iding. Würden viele Tiere dieselbe Wasserstelle nutzen, könnten sich Krankheitserreger leichter ausbreiten. Neben Krankheiten nennt Iding noch eine weitere mögliche Ursache für apathisch wirkende Tauben. Derzeit seien viele Jungtauben unterwegs, die unter anderem nach Greifvogelangriffen erschöpft irgendwo landen. Zudem könnten Vögel ihre Körpertemperatur nicht wie Menschen über die Haut regulieren, sondern nur über den Schnabel, so der 57-Jährige. Bei Hitze könnten sie deshalb auch schlicht dehydriert sein. Wer eine geschwächte Taube finde, könne ihr zunächst eine Schale mit frischem Wasser bereitstellen, so Iding. Erhole sich das Tier nicht oder wirke weiterhin apathisch, empfiehlt er, den Tiernotruf zu informieren. Handelt es sich um eine Brieftaube mit geschlossenem Ring am Fuß, könne der Besitzer mit Hilfe der Ringnummer ermittelt werden.

Martin Frenk, Vorsitzender des Nabu Kreisverbands Borken, weiß dass
Stadttauben und Ringeltauben am stärksten in Bocholt vertreten sind.
FOTOS: SVEN BETZ/DPA
Nicht ansteckend für Menschen
„Die gute Nachricht ist: Egal was die Ursache ist, es wäre alles nicht ansteckend für den Menschen“, sagt Elisabeth Peus. Auch Hunde und Katzen müssten nicht befürchten, sich bei betroffenen Tauben anzustecken. Was Gartenbesitzer dennoch für die Tiere tun können, da heben beide Experten einen ähnlichen Rat. Vogeltränken sollten regelmäßig gereinigt und das Wasser mindestens einmal täglich, an heißen Tagen besser zweimal täglich, ausgetauscht werden. Tierärztin Peus empfiehlt, das Gefäß mit heißem Wasser auszuspülen. Stefan Iding empfiehlt, es anschließend in der Sonne trocknen zu lassen. Zudem rät er, zusätzlich eine größere flache Wanne aufzustellen. Dort könnten Vögel nicht nur trinken, sondern auch baden. „Sie brauchen das für die Gefiederpflege.“ Nach Angaben von Martin Frenk, Vorsitzender des Nabu Borken, kommen Stadttauben in Bocholt am häufigsten vor, gefolgt von Ringeltauben. Elisabeth Peus meint: „Die Stadttaube oder Ringeltaube ist oft von der Krankheit betroffen.“ Auch Stefan Iding weist darauf hin, dass viele überfahrene Tiere am Straßenrand Ringeltauben seien. Diese erkennt man unter anderem an ihrem auffälligen weißen Halsfleck. Für Tierärztin Peus steht fest, dass das auffällige Verhalten nicht auf eine einzige Ursache zurückzuführen ist. Sicher sei lediglich: Die derzeitige Hitze begünstigt viele dieser Probleme – und macht Tauben zu sätzlich zu schaffen.
Mit freundlicher Genehmigung vom Bocholter Borkener Volksblatt

